Carillon

Seit 30 Jahren die lauteste Jukebox der Schweiz

30 Jahre Carillon im Stiftsturm: Das AZ-Geschenk hat neben dem Thutbrunnen den nachhaltigsten Nutzwert für Zofinger, Zofiger und Zugereiste.

Von Markus Hächler v/o Ringo, AZ BE/AG

«Diesen feierlichen Moment vergesse ich bis ans Lebensende nie», versichert Glockenwartin Notburga Lienhard. Am 4. Mai 1985 wurden die 16 prächtig geschmückten Glocken des Zofinger Glockenspiels aus der Aarauer Glockengiesserei Rüetschi in einem Umzug durch die Altstadt geführt und danach von der Schuljugend am Stiftsturm aufgezogen. Der Genfer AZ-CP Donald Etienne v/o Duck betonte in seiner Festansprache, das Glockenspiel am Thutplatz sei die hörbare Verbindung zwischen der Zofingia und ihrer Bundesstadt, und die Mitwirkung von Schulkindern und Sektionsältesten beim Festakt symbolisiere die Verbindung der Generationen.

In den vergangenen 30 Jahren hat Notburga Lienhard – sie wohnt selber im Stiftsturm – unzählige zufriedene Besucher aus Europa und Übersee die gut 80 Treppenstufen hinauf in die Glockenstube begleitet und ihnen Wochenende für Wochenende und manchmal auch unter der Woche die Geschichte des Zofinger Carillons nähergebracht.

Wie es dazu kam

Die AZ spendeten der Stadt wiederholt markante Baukunstwerke: den Thutbrunnen, die Löwen am Untern Tor, die Justitia vor dem Rathaus und eben das Glockenspiel im Stiftsturm. Zofingen gilt unter Kennern als Altstadt mit den meisten couleurstudentischen Zeugnissen im öffentlichen Raum.

Zum Vereinsjubiläum «150 Jahre Zofingia» offerierten die AZ 1969 der Stadt ein Geschenk nach Wahl. Statt für ein Glockenspiel entschied sich die Stadtregierung aber für Farbscheiben im Rathaus. Dafür klappte es 1985: Auf Initiative des Zofinger Bezirksschullehrers und Aargauer AZ‘ Rudolf Hool v/o Lörli – er träumte seit 1955 von einem Carillon in Zofingen – veranstaltete der Genfer AZ-CAus zum vermeintlichen 100. Geburtstag des AZ-Vereins einen Sammel-Wettbewerb unter den Sektionen. Eigentlich ein historischer Irrtum, denn die Ursprünge des AZ-Vereins gehen bereits aufs Jahr 1861 zurück, wie wir dank Paul Ehinger v/o Weckers AZ-Geschichte „Die alte Schale nur ist fern“ von 1994 wissen. Wie auch immer: Dank dem Wetteifern unter den AZ-Sektionen kamen 100‘000 Franken für den Kauf des Luzerner Glockenspiels vom Comptoir Lausanne 1983 mit 16 Glocken zusammen. Eine städtische Kommission wählte die Turmstube des Stiftsturms auf der Nordseite des Thutplatzes als geeigneten Ort.

Stiftsturm 1

Stiftsturm

1400 Melodien auf Abruf

Am Centralfest vom 22. Juni 1985 ertönte das erste von mittlerweile rund 150 Glockenspiel-Konzerten. Als Carillonneur amtete Pierre Segond (1913–2000), Organist und Glockenspieler der Genfer Kathedrale. Er bespielte auch den Automaten, der unter anderem viermal täglich für saisonal passende Glockenmelodien sorgt, vom Weihnachts- bis zum Kinderfestlied. Das Repertoire, in Fronarbeit ständig erweitert durch Ex-Stadtorganist und Carillonneur Karl Kipfer aus Zofingen und AZ-Carillonneur Andreas Friedrich v/o Terzli, umfasst mittlerweile rund 1400 Melodien. Damit dürfte das Zofinger Glockenspiel schweizweit dasjenige mit den meisten programmierten Melodien sein.

«Am Anfang gabs Reklamationen wegen dem Lärm», erinnerte sich Notburga Lienhard 2010. «Heute ist es genau umgekehrt: Da rufen mich die Leute an, wenn die Glocken einmal ungeplant schweigen.» Längst können die Glockenspieler vor den Konzerten üben, ohne dass den Nachbarn die Trommelfelle platzen: Stadt und Kanton haben einen Übungs-Spieltisch mit Röhrenglocken finanziert.

Internationales Konzertprogramm

Das jährliche Konzertprogramm wird seit 25 Jahren durch AZ Andreas Friedrich v/o Terzli konzipiert und selbst bestritten, in Abwechslung mit Karl Kipfer und weiteren Glockenspielern aus nah und fern. Als Gründer und Vorstands-Mitglied der Gilde der Carillonneure und Campanologen der Schweiz (http://www.campanae.ch/) pflegt Terzli internationale Beziehungen und setzt sich für den einheimischen Nachwuchs ein.

Carillon, untergebracht im Turm hinten, mit Terzli

Andreas Friedrich v/o Terzli

Das Spiel aus der Werkstatt von Jakob Muri in Sursee LU umfasst dank Spenden von „Zofigern“ und AZ mittlerweile 25 Glocken samt Spieltisch und Abspiel-Automatik. Es verlangt eine Art «Karate-Technik»: Der Spieler schlägt mit der Handkante auf einen Hebel und bedient mit den Füssen 13 Pedale. Vom Spieltisch wird die Kraft via Seilzug mit etwas Verzögerung auf den Klöppel der Glocke übertragen. Die Carillonneure Terzli, Karl Kipfer und Hans Jürg Bättig – der Schwiegersohn Karl Kipfers – setzen sich immer wieder dafür ein, dass die etwas unsensible Spielmechanik im Rahmen des technisch und finanziell Machbaren verbessert werden kann.

Die Glockenspiel-Kommission

Über das Geschick des Glockenspiels wacht seit Beginn eine städtische Kommission (http://www.zofingen.ch/?rub=143). Sie setzt sich aus Fachleuten, Behörden-Vertretern und AZ zusammen:
Hottiger Hans-Ruedi, Stadtammann/Kommisionspräsident, Zofingen, seit 2006;
Bättig Hans Jürg, Fachexperte, Zofingen, seit 2011;
Bersinger Niklaus v/o Chromo, Vertreter Altzofingerverein, Lausanne, seit 2004;
Friedrich Andreas v/o Terzli, Fachexperte und AZ-Vertreter, Genolier GE, seit 1990;
Hächler Markus v/o Ringo, AZ-Vertreter, Oberbipp BE, seit 2004;
Kipfer Karl, Fachexperte, Zofingen, seit 1986;
Koller Hubert, Aktuar (Bauverwaltung Zofingen), Zofingen, seit 1988;
Lienhard-Hasler Notburga, Aufsicht Glockenspiel, Zofingen, seit 1986.
Die Tätigkeit ist ehrenamtlich und wird alljährlich mit einem Karton „Rathäusler“ (Chasselas aus Perroy VD) und dem Kommissionsessen in einem Zofinger Restaurant entgolten.

Autor: Markus Hächler v/o Ringo, lic.phil.hist., Mediensprecher des Universitätsspitals Bern (Inselspital), ist AZ der Sektionen Bern und Aargau und Mitglied der Glockenspielkommission. In Aarau war er von 1973-76 aktiv, in Bern von 1976-84. Dem Berner AZ-CAus 2000-03 gehörte er als CA an.