Landesstreik – mit oder ohne Zofinger?

Streikendes Bahnpersonal

Das Neue Museum Biel zeigt bis Ende 2018 eine überaus sehenswerte Ausstellung zum Landesstreik 1918, die wichtige Dokumente vorweist und vor allem den historischen Rahmen des Arbeiterprotestes hervorragend schildert: der Krieg, die tödliche Grippe, die verheerende Situation der Arbeiter, die “heisse” Stimmung, bis es im November 1918 losbricht. Und trotzdem fehlt eine wichtige Figur.

Als Zofinger fährt man von Neuenburg her im Neigezug “Kern” nach Biel und freut sich, dass Minister Kern ein Zofinger war und Grossartiges geleistet hatte. Dann besucht man die vortrefflich arrangierte Ausstellung in Biel – fährt dann mit dem Neigezug “Ramuz” nach Neuenburg zurück und freut sich, dass Ramuz ein Zofinger war und Grossartiges geschrieben hatte.

Aber er fehlt. In der ganzen Landesstreik-Darstellung fehlt die Figur von Bundesrat Felix Calonder, ein Zofinger von grossem Format. Man kann zwar auf der Zeitachse in Minutenschnelle erkennen, dass am 12./13. November der Bundesrat dem Oltner Aktionskomitee ein Ultimatum gestellt hatte, worauf dieses den Streikabbruch beschloss. Es war für die Landesregierung kein Leichtes, Härte zu zeigen, und es war für die Streikenden noch viel schwieriger, auf ihre Startplätze zurückzukehren und die strafrechtliche Verfolgung abzuwarten. Für den Besucher bleiben die Streikenden die grossen Helden. Trotzdem fehlt unnötigerweise ihr wichtiger Gegenpart: Bundesrat Felix Calonder. Und es fehlen die Erklärungen zum Bundesrat. Hätte die Landesregierung das Land dem wilden Strudel der Revolution überlassen dürfen? Beweist die Nachgeschichte nicht deutlich genug, dass die Härte des Ultimatums letztlich nötig war?

Man hätte Calonder gerne vor die Augen bekommen, gerne seine Persönlichkeit erkannt, gerne seine Überlegungen erfahren. Wenn man nämlich seine Biografie über 1918 hinaus liest, realisiert man rasch, dass der Bündner Calonder ein Mensch von ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein war. Nach seinem schwierigen, aber erfolgreichen Völkerbund-Einsatz in Oberschlesien musste jedem klar werden, das ein Politiker mit sehr viel Herz am Werk war. Er liess sich von Hitler, den er getroffen hatte, keineswegs beeinflussen und trat für die Minderheiten ein, wie es ihm aufgetragen war. Das ermöglichte es mehreren tausend Juden, rechtzeitig und in Ruhe ihre Auswanderung zu organisieren.

Wieso also bleibt Bundesrat Felix Calonder weg? Warum breitet man nicht auch sein Argumentarium aus? In der Zofinger Festschrift 2019 wird ein Beitrag das Fehlende aufzeigen.

 

 

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