Wenn Schreibende über Trinkende schreiben …

Papier ist geduldig, vor allem sonntags

In Österreich haben antisemitische und SS-Lieder einer Burschenschaft einen mittelgrossen Sturm der Entrüstung ausgelöst. In einzelnen Schweizer Medien wurde dies aufgegriffen, so auch in einem Post auf unserer Website.

Am 11. Februar 2018 erschienen darauf in der “Ostschweiz am Sonntag” zwei Berichte. Einer mit dem Titel “Wenn Trinkende übers Trinken singen” und ein zweiter: “Landesväter mit bunter Mütze”. Dafür hatte Redaktor Kaspar Enz auch den CP der Altzofinger interviewt. Soweit – so gut. Der CP hatte Gelegenheit, etwas über die politische Ausrichtung der Zofingia zu sagen, und äusserte sich auch über das Liedgut der Verbindungen. Das alles erschien in einem erfreulich munteren Ton, der einem das Lesen leicht macht.

Wenn nicht jener Missgriff vorläge, der aus der Recherche eine Ansammlung von Vorurteilen und aus dem Bericht eine billige Schluderei macht. Im erstgenannten Beitrag konnte man nämlich lesen, mit Bezug auf den Cantus “Filia hospitalis” (O wonnevolle Jugendzeit):

“Die Studenten des 19. Jahrhunderts stammten aus hohen Häusern, anders als die Gastwirte, bei denen sie sich einmieteten. Und sich dann oft an deren Töchtern oder Angestellten vergriffen, für ein Zubrot natürlich.”

Das weckte bei Historikern unter den Lesern den Wunsch, doch die Quelle zu dieser belastenden Aussage zu erfahren. Deshalb erging vom CP eine entsprechende Frage an Kaspar Enz. Der antwortete mit folgenden Worten:

“Sehr geehrter Herr Roggen, als alter Lateiner kam mir beim Lesen des Liedes natürlich eine gewisse Vorahnung auf. Es ist nicht das einzige Lied, wo sowas durchscheint, auch wenn es in den meisten etwas romantisiert wird. Und Goethes «Annette» war buchstäblich eine Filia hospitalis.  Das mit den reichen Häusern beschreibt wohl v. a. die Situation in Deutschland (wo die Lieder geschrieben wurden) und sie ist z. T. weit älter als das 19. Jahrhundert. Es ist natürlich etwas verkürzt formuliert, aber es scheint sich in vielen Unistädten eine Art versteckte Prostitution entwickelt zu haben.” Dazu der Link auf Wikipedia.

Ei, da scheint sich was entwickelt zu haben. Was doch ein Journalist alles aus dem Daumen saugen und den Studenten von damals und den Sängern von heute pauschal unterschieben kann! Wir glauben, dass sich hier kein singender Student an einer Tochter oder Angestellten, wohl aber ein Schreiber in der Wortwahl vergriffen hat.

 

 

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