Ein technisches Bahngenie mit rot-weiss-rotem Band

Ausweiche bei der Standseilbahn Lugano

Ja, das war er: ein technisches Genie von internationalem Ruf, und obendrein Luzerner Zofinger. Die Rede ist von Roman Abt (1850 – 1933), der sich als Maschineningenieur ganz der Bahntechnik widmete und wichtige Erfindungen tätigte. Eine davon betraf die Standseilbahnen. Wenn diese einspurig rauf- und runterfuhren, war das kein Problem. Sie hingen am Seil und kamen gut gesichert nach unten. Aber wenn es zwei Bähnchen geben sollte, die in der Mitte eine Ausweiche passieren mussten, dann wurde es schwierig. Wie konnte man die Bähnchen mit einem Spurkranz auf der Schiene halten und doch vermeiden, dass die Räder des einen Bähnchens das Seil des andern durchschnitten?

Das Bild zeigt, wie Roman Abt das Problem meisterte. Das Bild wurde auf der oberen Seite der Ausweiche aufgenommen. Man muss sich weiter oben die Bergstation nahe beim Bahnhof von Lugano vorstellen. Unten die zweispurige Ausweiche und ganz unten die Talstation in der Stadt. Angenommen, das das eine Bähnchen fahre auf der linken Seite talwärts, das andere käme rechts von unten her ins Bild. Abt sah jeweils auf der Aussenseite der Bahn einen doppelten Spurkranz vor, der beispielsweise das talfahrende Bähnchen fest auf der linken Schiene hielt. Auf der Innenseite wiesen die Räder jedoch keinen Spurkranz auf, die Räder glitten wie Rollen über die Ausweiche und schonten so die Seilmechanik. Das Bähnchen auf der Bergfahrt wurde sinngemäss auf der rechten Schiene festgehalten. In Giessbach gab es ein erstes Projekt dieser Art, aber erst in Lugano kam diese Erfindung voll zum Tragen.

Neues auch bei der Zahnradbahn: Abt löste die alte Leiter-Zahnstange von Niklaus Riggenbach, bei dem er arbeitete, durch die versetzte Zahnstange ab.  Das bot Gewähr, dass immer ein Zahn in der Zahnstange vertieft war, was die Sicherheit erhöhte. Das Rad in der fahrenden Bahn war doppelt montiert, wobei die Zähne natürlich versetzt waren.

Die Abt’sche Zahnstange mit doppelter Zahnreihe, hier bei der Weiche in Stalden-Saas.

Und schliesslich erfand Abt auch die Weiche für Zahnradbahnen. Bei der Visp-Zermatt-Bahn kann man sie sehr gut bei der Station Stalden-Saas bestaunen. Die Weiche wird von Brig aus gestellt, wobei die Schienen mitsamt Abt’scher Zahnstange verschoben werden. 

Aber nicht genug damit: Vor Stalden-Saas fährt die Bahn im Adhäsionsbetrieb, ehe sie der Steigung entsprechend auf Zahnradbetrieb wechselt. Diesen Wechsel hat Abt höchst interessant konstruiert. Das abgesenkte Zahnrad der Bahn schleift zuerst auf einer Gummistrecke, die in einem zweiten Abschnitt die Struktur einer Abt’schen Zahnstange annimmt. Im dritten Abschnitt folgt die eine metallene Spur dieser Zahnstange, im vierten Abschnitt schliesslich greift das Zahnrad voll in die doppelte Zahnstange. 

Roman Abt war international gefragt und wurde vielfach geehrt, unter anderem mit dem Ehrendoktorat von Hannover. Grosse Verdienste erwarb er sich auch als Präsident der Gotthardbahn. Sein Vermögen setzte er als Kunstmäzen ein und als grosszügiger Gönner eines Spitals, das er retten konnte. Gewohnt hat er in jenem Freienhof, der damals noch zwischen der Luzerner Jesuitenkirche und dem Stadttheater stand, ehe es abgerissen wurde. Mehr über diesen interessanten Zofinger in der Festschrift 2019. Neugierig geworden?

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